Yamas und Niyamas: Das Moralverständnis der Yogis

Von den 10 Geboten haben wir alle schon mal gehört. Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen oder neidisch sein … Es sind Regeln, die nachzuvollziehen sind und die nicht nur für Juden oder Christen als moralischer Kompass dienen.

Auch wenn sich um die Notwendigkeit von solchen äußeren Regeln streiten lässt, da unser Gewissen und unsere Intuition doch in der Regel die besten Wegweiser sind, stellen sie für viele Menschen eine große Hilfe dar.

Auf dem geraden Weg bleiben

Nicht nur im Juden- und Christentum gibt es solche Hilfestellungen für richtiges Verhalten. Tatsächlich haben fast alle Religionen und spirituellen Traditionen irgendeine Art von Verhaltenskodex, der ihnen dabei helfen soll, auf dem spirituellen Weg voranzuschreiten und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

So gibt es im Buddhismus die Silas und die sechs Paramitas, im Hinduismus das Sanatana Dharma und im Islam die fünf Säulen. Auch indigene Völker und andere Kulturen haben in der Regel einen moralischen Leitfaden – auch wenn er vielleicht ungeschrieben ist.

Im traditionellen Yoga gibt es solche Verhaltensempfehlungen ebenfalls. Hier sprechen wir von den Yamas und Niyamas, die durch das Yogasutra von Patanjali* erstmals schriftlich festgehalten worden sind (etwa 2. Jahrhundert n. Chr.).

Im Yogasutra werden die Yamas und Niyamas als die ersten beiden der insgesamt acht Schritte zur Erleuchtung beschrieben. Sie bilden die Grundlage für den spirituellen Weg und sollen dem Suchenden dabei helfen, sich nicht zu verirren.

Und genau das sind die Yamas und Niyamas: ein Leitfaden. Sie geben uns eine Richtung vor. Wenn wir uns an ihnen orientieren, können wir auch in Zeiten, in denen wir selbst nicht so genau fühlen können, was richtig ist und was nicht, auf dem geraden Weg bleiben.

Die fünf Yamas

Die fünf Yamas bilden das erste Glied im traditionellen Yoga und bestehen aus Verhaltensempfehlungen für den Umgang mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt.

Dabei geht es nicht nur darum, sie bloß augenscheinlich einzuhalten. Wichtiger ist, das dahinterliegende universelle Prinzip zu verwirklichen und als unsere wahre Natur zu erkennen.

Ahimsa – Gewaltlosigkeit

Die Gewaltlosigkeit die Ahimsa beschreibt, bezieht sich nicht nur auf körperliche Gewalt. Ahimsa ist eine gewaltfreie Einstellung gegenüber jeder Lebensform, sei es Mensch, Tier, Pflanzen, anderen Wesen oder sich selbst. Friedlich mit jedem Aspekt des Lebens umzugehen ist Ahimsa.

Satya – Ehrlichkeit

Satya ist sehr direkt und einfach: Sei ehrlich! Eine Lüge, sei sie noch so klein, scheint manchmal als der einfachste Ausweg aus einer unangenehmen Situation heraus. Doch nicht nur tun wir der anderen Person damit unrecht, sondern vor allem auch uns selbst.

Je öfter wir unehrlich sind oder probieren, uns durch geschickte Wortwahl von der Wahrheit zu drücken, unterdrücken wir unsere eigene Authentizität. Dadurch wird es uns immer schwerer fallen, ehrlich zu uns selbst zu sein und ein verwirklichtes Leben zu führen.

Brahmacharya – Enthaltsamkeit

Wörtlich beschreibt Brahmacharya das Verhalten (charya) durch das man das wahre Selbst/Gott (brahman) verwirklicht. Übersetzt wird es in der Regel als Zölibat oder sexuelle Enthaltsamkeit, was jedoch nicht ganz vollständig ist.

Brahmacharya ist der Weg zu spiritueller Einheit, indem das Bedürfnis nach körperlicher Einheit überwunden wird.

Betrachten wir uns selbst und unsere Mitmenschen lediglich als Mann und Frau, indem wir so stark auf Sexualität ausgerichtet sind, übersehen wir nicht nur in anderen, sondern auch in uns den Teil, der den Körper belebt und uns als Wesen ausmacht – die Seele.

Brahmacharya bedeutet, in allem das Universelle zu sehen – das, was ohne Geschlecht, Name oder Form ist. Enthaltsamkeit ebnet den Weg dorthin, aber es ist nicht nur die Ursache von Brahmacharya, sondern auch die Wirkung davon. Ein achtsamer Umgang mit Sex entsteht von selbst, wenn wir aufhören, uns mit unseren Körpern zu identifizieren. Dann können wir das dahinterliegende Selbst erkennen, das weder Mann noch Frau ist.

Asteya – Nicht-Stehlen

Daran, einfach in den Supermarkt zu gehen und uns zu nehmen, was wir wollen, ohne es zu bezahlen, hindert uns ja schon das Gesetz. Doch Asteya bedeutet mehr als das. Es kann auch als Unabhängigkeit oder Selbstständigkeit verstanden werden.

Oftmals sind wir uns wahrscheinlich gar nicht bewusst, wenn wir etwas „stehlen“. Es passiert auf eine subtile Art und Weise, nämlich wenn wir mehr nehmen, als wir geben – sei es körperlicher oder geistiger Art.

Asteya beruht letztlich auf dem Prinzip der Balance. Wenn wir etwas bekommen, sei es ein Geschenk, ein hilfreicher Ratschlag oder auch Liebe, sollte wir es in irgendeiner Form wieder zurück in die Welt zu geben. Niemals sollten wir mehr nehmen, als wir geben.

Aparigraha – Neidlosigkeit

Aparigraha beschreibt eine genügsame, losgelöste und bescheidene Geisteshaltung. Manchmal sehen wir das Gute nur bei den anderen und möchten es auch haben, möchten ein Teil ihres Glücks abhaben. Aparigraha sagt, dass das genau der falsche Weg ist.

Habgier und Neid bringen uns nie das, was wir eigentlich wollen – vielmehr noch erzielen wir damit nur das Gegenteil und geraten in eine Abwärtsspirale des Unglücks.

Gönnen wir jedoch den anderen das, was sie haben und beginnen mehr auf uns selbst zu schauen – nicht in einem egoistischen sondern in einem verantwortungsbewussten Sinne –, entwickeln wir eine gesunde Beziehung zu uns und unseren Mitmenschen und können erkennen, wonach wir wirklich suchen. Mehr Geld, Besitz oder Ansehen ist es meistens nicht.

Die fünf Niyamas

Während die fünf Yamas für jeden Menschen empfohlen werden, richten sich die fünf Niyamas insbesondere an spirituell Suchende. Anders als die Yamas befassen sich diese nämlich nicht mit dem Umgang mit anderen, sondern mit dem Umgang mit uns selbst.

Saucha – Reinheit

Reinheit ist ein Ideal, das sich in vielen Kulturen finden lässt. Im Yoga und in den meisten anderen spirituellen Traditionen ist damit jedoch nicht nur körperliche Sauberkeit gemeint, die ja ein relativ leichtes Unterfangen ist, sondern vor allem die geistige Reinheit der Gedanken und Absichten.

Diese innere Reinheit zu erreichen bedeutet, zu unserem ursprünglichen Zustand zurückzukehren. Dieser ist von Natur aus rein und unbefleckt – frei von Trennung und frei vom Ego. Der „Schmutz“ ist das, was aus einer falschen Vorstellung von uns selbst und der Welt entsteht. Bemerkbar macht er sich durch Habgier, Neid, Verurteilung und Angst.

Der Weg zur Reinheit ist dann eigentlich ziemlich simpel: Erkenne das Unreine als solches an. Wenn wir klar sehen, was unrein ist und nicht unserer wahren Natur entspricht, können wir mühelos davon loslassen. Was dann übrig bleibt ist eben dieser fundamentale Zustand der Reinheit, der keine anderen Qualitäten in sich trägt – er ist einfach nur.

Santosha – Zufriedenheit

Das Niyama Santosha möchte uns daran erinnern, dass wir zufrieden und im Frieden mit den äußeren Umständen sein können. Selbst wenn unserer Ansicht nach nicht alles perfekt läuft und Raum für Verbesserung da ist, können wir trotzdem das Beste aus der Situation machen und Vertrauen darin haben, dass alles irgendeinen Sinn hat.

Wenn wir unser Leben einmal rückblickend betrachten, können wir vielleicht sehen, wie alles aufeinander aufbaut und wie aus einer erstmals schwierigen Herausforderung ein wunderschöner Weg entstehen kann. Im ersten Moment können wir das meist nicht sehen, aber das müssen wir auch nicht. Wir können uns einfach daran erinnern, dass das Leben nun mal so funktioniert und es Höhen und Tiefen gibt.

Haben wir das einmal verinnerlicht, haften wir nicht mehr so sehr an den äußeren Umständen, ob sie nun angenehm oder unangenehm sind. Wir wissen ja, dass sie sich früher oder später sowieso wieder ändern werden. So erreichen wir Santosha, eine feste Zufriedenheit in jeder Lebenssituation.

Tapas – Selbstkontrolle

Tapas oder Selbstkontrolle kann in der modernen Welt eines der am schwierigsten zu praktizierenden Niyamas sein. Überall warten Verlockungen auf uns und wir können unsere Impulse und Bedürfnisse quasi auf Knopfdruck befriedigen lassen. Doch davon sollten wir uns nicht entmutigen lassen.

Für den spirituellen Weg ist dieses Sich-Gehen-Lassen und instinktive Reagieren auf äußere Eindrücke zwar ein Hindernis, doch wir können es durch bewusste Beobachtung im Denken, Fühlen und Handeln transformieren.

Tapas beschreibt die Eigenschaften, die dafür hilfreich sind: Selbstkontrolle, Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit.

Sachlichkeit in dem Sinne, dass wir die Dinge so sehen können, wie sie sind und uns nicht aus persönlichen, sozialen oder kulturellen Gründen zu etwas verleiten lassen, was uns nicht entspricht. Es kann auch als Nüchternheit verstanden werden.

Tapas bedeutet jedoch nicht, alles zu verbissen zu sehen und kein Spaß mehr am Leben zu haben. Es bedeutet lediglich zu wissen, was unser Ideal ist und was nicht unser Ideal ist. Wissen wir das und respektieren wir unseren Weg, wird Disziplin für die uns wichtigen Dinge immer leichter fallen.

Svadhyaya – Selbststudium

Svadhyaya beschreibt das Wissen und Beobachten um das eigene Wesen – um unsere Gedanken, Gefühle, Gewohnheiten und Taten. Bei diesem Studium sind wir gleichzeitig der Student als auch das zu studierende Objekt – Schüler und Lehrer in einem.

Dieses innere Studium ist von so großer Bedeutung, da wir nur so herausfinden können, wo genau wir stehen und mit was wir es hier eigentlich zu tun haben. Wenn wir nicht wissen, wer und was wir sind und wie dieses Wesen, das wir „Ich“ nennen, überhaupt funktioniert, was können wir dann überhaupt wissen? Das Wissen um das Selbst ist das Wissen, das allem vorangeht.

Das äußere Studium, also das Lesen von Büchern und der Austausch mit anderen Menschen, kann als Ergänzung zu dem inneren Studium dienen, ist aber kein integraler Bestandteil von Svadhyaya. Theoretisches Wissen in unserem Kopf ist nur in dem Maße hilfreich, in dem es unsere praktische Erfahrung erweitert.

Ishvara Pranidhana – Hingabe zu Gott

Ishvara Pranidhana ist das letzte und wahrscheinlich individuellste Niyama. Ishvara bedeutet „das Höchste, „Gott“ oder „die unveränderbare Realität“. Pranidhana beschreibt die Verbindung mit dieser universellen Instanz, wie auch immer man sie nennen mag, und kann als Hingabe oder Bereitschaft verstanden werden.

Ishvara Pranidhana ist deshalb so individuell, da jeder eine eigene Vorstellung und Beziehung zu dem hat, was mit Worten nicht beschrieben werden kann. Für den einen offenbart es sich in einem bestimmten Gottesbild oder einer Person, für einen anderen in der Natur oder der Stille. Für jeden kann das anders aussehen.

Sich diesem Aspekt ganz hinzugeben, der größer und umfassender ist als das individuelle Ich, ist Isvhara Pranidhana. Das heißt, die Früchte unserer Handlungen, ja unser ganzes Leben, etwas zu widmen, das größer ist als wir selbst – größer als die einzelne Person.

Wie geht es weiter?

Die Yamas und Niyamas bilden im achtgliedrigen Yoga nach Patanjali die ersten beiden Stufen. Sobald der spirituelle Aspirant in diesen einigermaßen fest etabliert ist, geht es weiter mit Asana, dem richtigen Sitz bzw. der richtigen Körperhaltung, und mit Pranayama, der Atemkontrolle. Erst dann beginnt die eigentliche Meditationspraxis – Pratyahara, das Zurückziehen der Sinne –, bis irgendwann Samadhi, die Erleuchtung erreicht ist.

Doch wir müssen nicht das Yoga nach Patanjali praktizieren oder nach der Erleuchtung streben, um von den Yamas und Niyamas zu lernen. Letztlich bilden sie die ethische und moralische Grundlage für die darauf folgende spirituelle Praxis – für jede spirituelle Praxis.

Auch wenn wir uns einer anderen Tradition oder Lehre näher fühlen, können wir die Yamas und Niyamas beachten und uns allein durch sie großartig entwickeln. Denn letztlich steht auch hinter diesen Verhaltensempfehlungen ein universelles Prinzip, das wir alle in uns tragen.



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